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Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: so wehren Sie sich

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: so wehren Sie sich

50 Prozent aller Beschäftigten haben schon einmal sexuelle Belästigung erlebt. 22 der 30 DAX-Unternehmen haben noch keine Betriebsvereinbarung zu diesem Thema. 4 von 5 Beschäftigten wissen nicht, dass Arbeitgeber:innen bei diesem Thema schutzverpflichtet sind. Wenn es um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht, ist einiges in der Gesellschaft aufzuholen. In diesem Beitrag erklären wir, wo sexuelle Belästigung beginnt und wie man sich wehren kann.

Drei Formen sexueller Belästigung

Weil bei sexueller Belästigung häufig nicht das sexuelle Interesse am Gegenüber ausschlaggebend ist, sondern der Versuch von Machtausübung, wird heute vermehrt von sexualisierter Belästigung gesprochen. Grundsätzlich unterscheidet man hier zwischen drei Formen:

 

  1. Verbale Belästigung: Hiermit sind anzügliche Bemerkungen, zweideutige Kommentare, unangemessene Fragen zum Privatleben oder zur Intimsphäre, aufdringliche Einladungen zu Verabredungen oder Aufforderungen zu intimen oder sexuellen Handlungen gemeint.
  2. Nonverbale Belästigung: Durchdringendes Anstarren oder In-den-Ausschnitt-Starren, Pfeifen, herabwürdigende Gesten, das Versenden unerwünschter Messages, Fotos oder Videos mit sexueller Konnotation oder aufdringliche Annäherungsversuche in sozialen Netzwerken sind bei dieser Form der sexuellen Belästigung gemeint.

  3. Physische Belästigung: Diese Form reicht von unerwünschten, mitunter beiläufig erscheinenden Berührungen (Streicheln, Tätscheln, Grapschen) über wiederholte körperliche Annäherungsversuche wie das Aufdrängen von Umarmungen oder Küssen bis hin zu exhibitionistischen Handlungen und sexuellen Übergriffen.

Sexuelle Belästigung: Definition zur Abgrenzung

Vor allem verbale und nonverbale Formen sexueller Belästigung werden oft verharmlost. Da heißt es dann, der Ton im jeweiligen Betrieb sei eben etwas rustikaler, oder es wird unterstellt, die betroffene Person habe einen Flirtversuch oder ein Kompliment nicht verstanden. Dabei ist die Grenze klar: Flirten geschieht in beiderseitigem Einvernehmen, belästigendes Verhalten nicht.

 

Szenarien wie ein Hinterherpfeifen, unaufgefordert erteilte Nackenmassagen oder Kommentare zur figurbetonten Kleidung sind zwar keine Seltenheit, aber dennoch muss man sich Derartiges nicht gefallen lassen. Spätestens, wenn Sie oder andere betroffene Personen durch sexuelle Belästigung gedemütigt oder bloßgestellt werden, muss gehandelt werden.

Männer als Opfer sexueller Belästigung

Obwohl statistisch nachgewiesen werden kann, dass Frauen häufiger von sexueller Belästigung betroffen sind als Männer, werden auch Männer Opfer verbaler und physischer Übergriffe. Das kann sowohl durch Frauen als auch durch andere Männer geschehen. Das vorherrschende Rollenbild macht es Männern jedoch schwer, sich als Opfer zu outen. Dazu kommt die Befürchtung, man würde ihnen nicht glauben oder ihre Empfindungen für übertrieben halten. Schließlich könnten sie sich doch viel leichter wehren.

 

Außerdem herrscht das Klischee, dass Männer „sexuelle Avancen“ erfinden, um sich in ein besseres Licht zu stellen. Grundsätzlich gilt aber für jeden das gleiche Recht, Grenzen zu ziehen, egal ob Mann oder Frau. Letztlich brauchen alle ein Arbeitsklima, in dem sexuelle Belästigung nicht toleriert wird, ganz gleich, von welchem Geschlecht sie ausgeht und gegen wen sie sich richtet.

Selbsthilfe bei sexueller Belästigung

  • Suchen Sie die Schuld nicht bei Ihnen – nicht die Betroffenen sind verantwortlich, sondern die Belästiger! Darum nehmen Sie Ihre Gefühle ernst und reagieren Sie entschieden.
  • Machen Sie der betreffenden Person deutlich, dass Sie sich sexuell belästigt fühlen.
  • Zeigt sich der/die Täter:in nicht einsichtig, beschweren Sie sich bei der betrieblichen Beschwerdestelle, die im Betrieb bekannt gemacht sein muss. Gibt es keine solche, muss sie eingerichtet werden oder der/die Arbeitgeber:in bzw. der Betriebs und/oder Personalrat informiert werden.
  • Sprechen Sie mit einer Person Ihres Vertrauens über die Vorfälle.
  • Beratung und Hilfe bietet auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Fragentelefon: 030 / 18 555 1865)
  • Nutzen Sie das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016
  • Suchen Sie Kontakt über die Website www.hilfetelefon.de

Bei sexueller Belästigung durch Vorgesetzte keine Grenze ziehen

Wenn es sich bei der aufdringlichen Person um den/die eigene:n Vorgesetzte:n handelt, sollten Sie sich an dessen Vorgesetzten wenden. Dieser ist gesetzlich verpflichtet, Hilfe zu leisten. Sollten die Belästigungen trotzdem nicht aufhören und der/die Arbeitgeber:in nimmt keine geeigneten Maßnahmen vor, steht Ihnen sofort ein schriftlich zu erklärendes Leistungsverweigerungsrecht zu.

 

Das bewirkt, dass Sie Anspruch auf Bezahlung haben, auch wenn Sie der Arbeit fernbleiben. Denn der/die Arbeitgeber:in hat die Pflicht, jede Beschwerde ernst zu nehmen, zu prüfen und dafür zu sorgen, dass das belästigende Verhalten aufhört. Sollte er/sie dieser nicht nachkommen, wird er im Rahmen der arbeits- bzw. dienstrechtlichen Möglichkeiten verantwortlich gemacht.

 

Das Leistungsverweigerungsrecht gilt nicht nur bei Belästigungen durch Vorgesetzte, sondern auch bei anderen Beschäftigten. Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) gibt klare Regelungen zum Umgang bei und zum Schutz vor sexueller Belästigung vor und ahndet diese auch.

Den Teufelskreis sexueller Belästigung durchbrechen

  • Gegenwehr fängt im Kleinen an: Lachen Sie nicht mit, wenn sexistische Sprüche oder Witze gemacht werden. Zeigen Sie dem Sprücheklopfer, dass sein/ihr Verhalten nicht erwünscht ist.
  • Sprechen Sie Ihre Kolleg:innen an, wenn Sie vermuten oder miterleben, dass diese sexuell belästigt werden.
  • Wenn Sie selbst betroffen sind: Nehmen Sie die Opferrolle nicht an! Aus der Situation zu flüchten oder sie zu überspielen, kann vom Gegenüber als Erfolg gewertet werden und zu weiteren Konfrontationen führen. Treten Sie der Person deutlich, ruhig und souverän entgegen. Sprechen Sie langsam und laut – so laut, dass auch das Umfeld es mitbekommt.

Der Gesetzgeber schützt vor sexueller Belästigung

Sexuelle Belästigung ist ein Straftatbestand. Es gibt eine Vielzahl gesetzlicher Rechtsquellen, auf die Betroffene wie Verantwortliche im Betrieb zurückgreifen können: Im Grundgesetz verbürgt sind das Recht auf Würde, die Freiheit der Person, die Gleichstellung der Geschlechter und die Berufsfreiheit. Das Strafgesetzbuch (StGB) benennt diverse Tatbestände wie Beleidigung, üble Nachrede, Nötigung, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, exhibitionistische Handlungen etc. als sexuelle Belästigung, die explizit unter Strafe gestellt wird.

 

Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) ist die Rechtsgrundlage für Betroffene, um Ansprüche gegen den/die belästigende:n Beschäftigte:n geltend zu machen. Dabei müssen eigene Beweise erbracht und Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit bewiesen werden. Es können auch Ansprüche gegen den/die Arbeitgeber:in erhoben werden, wenn diese:r einer bekannt gemachten sexualisierten Belästigung nicht entgegentritt. Durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) sind alle Geschlechter gleichermaßen geschützt.

 

Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

 

Tipp: Generell ist es sinnvoll, jeden einzelnen Vorfall zu dokumentieren. Sammeln Sie in einem Protokoll Antworten auf die fünf wichtigen Fragen: Was? Wann? Wo? Wer? Wie? So haben Sie bei Bedarf alle Fakten beisammen.

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